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Dienstag, 14.11.2017

Abholzen am Straßenrand

An den Straßen im Landkreis werden deutlich mehr Bäume gefällt als gepflanzt – auch dank einer strittigen Richtlinie.

Von Sebastian Kositz

Regelmäßig rücken Arbeiter mit schwerer Technik aus, um Bäume an den Straßenrändern zu fällen. Deutlich weniger oft sind sie dort im Einsatz, um Neupflanzungen vorzunehmen. Stattdessen wächst und gedeiht neues Grün meist weit abseits der Straßen. Doch das bringt nicht viel, sagen Umweltschützer.
Regelmäßig rücken Arbeiter mit schwerer Technik aus, um Bäume an den Straßenrändern zu fällen. Deutlich weniger oft sind sie dort im Einsatz, um Neupflanzungen vorzunehmen. Stattdessen wächst und gedeiht neues Grün meist weit abseits der Straßen. Doch das bringt nicht viel, sagen Umweltschützer.

© Archivtoto: Gunter Hübner

Bautzen. Eichen, Eschen, Linden – an den Straßen im Kreis Bautzen herrscht rege Vielfalt. Doch die grünen Reihen längs der Fahrbahnen lichten sich. Hunderte Bäume sind in den vergangenen Jahren niedergestreckt worden – ohne, dass im gleichen Umfang wieder aufgeforstet wurde. Die Allee, ein Kulturgut europäischer Straßengeschichte, droht zunehmend zu verschwinden, warnen Kritiker. Und dabei geht es ihnen keineswegs nur um gestalterische Aspekte.

Der Grünenpolitiker Wolfram Günther sorgt sich schon länger um das Grün neben dem grauen Asphalt – und hat jetzt einmal mehr bei Sachsens Staatsverwaltung den Straßenbaumbestand abgefragt. Demnach verschwanden zwischen 2010 und 2016 allein an den Bundes- und Staatsstraßen im Landkreis Bautzen fast 6 300 Bäume – quasi jeder fünfte von einst mehr als 30 000 wurde damit in diesem Zeitraum umgesägt. Im Gegenzug ließen die Behörden allerdings nur etwas mehr 3 100 Bäume pflanzen.

Ähnlich ist die Situation auch an den Kreisstraßen. An dem etwa 800 Kilometer umfassenden Netz sägten laut Landratsamt die Arbeiter allein im vergangenen Jahr etwa 950 Bäume um. Direkt neben den Straßen neu gepflanzt wurden aber nur 327.

Dass neben den Straßen so oft zu Axt und Säge gegriffen wird, hat vor allem zwei Ursachen. Einerseits müssen Bäume weichen, weil für den Ausbau der Pisten mehr Platz benötigt wird. Zugleich werden aus Sicherheitsgründen regelmäßig kranke und morsche Bäume gefällt, wie Isabel Siebert, die Sprecherin des Landesamtes für Straßenbau und Verkehr (Lasuv), erklärt.

Wolfram Günther verweist vor diesem Hintergrund auf einen „dramatischen“ Verlust der Biomasse an Bäumen. Mehr noch: „Straßenbäume sind nicht nur von hoher ökologischer Bedeutung, sondern als Baumalleen auch landschaftsprägend“, so der Landtagsabgeordnete, der Sachsens Staatsverwaltung auffordert, bei Fällungen „zwingend ausreichend nachzupflanzen“. Besonders im vergangenen Jahr sei der Freistaat dem nicht nachgekommen. Von den über 800 gefällten Bäumen an Staats- und Bundesstraßen sei nur jeder sechste ersetzt worden, so Wolfram Günther

Eine Forderung, der Lasuv und Landratsamt allerdings entgegenhalten, dass für die gefallenen Bäume viel neues Grün gepflanzt wird – nur eben nicht immer an den Straßen. Das Landratsamt in Bautzen kann deshalb fürs Kreisstraßennetz sogar auf einen positiven Saldo verweisen. Denn im vergangenen Jahr standen den 950 Fällungen 771 neue Bäume – und 1 391 Sträucher entgegen. Dabei gelte das Prinzip: Sieben Sträucher ergeben ein Ersatzbaum.

Buche bindet fünf Kilo Feinstaub

Viele der neuen Bäume wachsen auf Streuobstwiesen, an Wanderwegen, Parks oder Plätzen und anderen Ausgleichsflächen, die sich teils in Wald und Flur befinden. Dabei sind die Verkehrsplaner laut Isabel Siebert eigentlich angehalten, „eingriffsnah“ die Neupflanzungen vorzunehmen. Doch das ist offenkundig nicht immer einfach.

Denn eine Richtlinie sieht vor, dass neue Bäume aus Sicherheitsgründen mit ausreichend Abstand zur Straße gepflanzt werden müssen. In der Praxis heißt das konkret, dass neben der Straße ein Streifen von mindestens neun Meter Breite benötigt wird. Wahlweise könnte allerdings auch eine Leitplanke dazwischen gestellt werden. Allerdings kosten beide Lösungen in jedem Fall eine zusätzliche Menge Geld. Zumeist sind Landwirte aber auch gar nicht erst bereit, etwas von ihren Feldern abzugeben, erklärt Isabel Siebert. „Deshalb werden Ersatzpflanzungen häufig in großer Entfernung zum Straßenbau realisiert.“

Der Politiker Wolfram Günther fordert deshalb eine Überarbeitung der Richtlinie. Das befürwortet auch Rolf Kubenz, Vorsitzender des Vereins Grüne Liga Oberlausitz. Von den Ersatzpflanzungen auf Ausgleichsflächen hält er wenig: „Eine ausgewachsene Buche am Straßenrand bindet bis fünf Kilo Feinstaub am Tag“, erklärt Rolf Kubenz. Außerdem vergehen zunächst bis zu 30 Jahre, bis ein neu gepflanzter Baum das überhaupt leisten kann. Wolfram Günther bringt es auf eine ähnliche Formel: „Damit der Ausgleich eines alten Baumes durch Neupflanzungen erreicht wird, muss bei Neupflanzungen ein Verhältnis von eins zu drei oder darüber angestrebt werden“, sagt der Politiker. Der Naturschützer Rolf Kubenz sieht in der Richtlinie und den Sicherheitsbedenken ohnehin einen fragwürdigen Ansatz: „Wenn jede ordentlich fährt, fährt er auch nicht gegen einen Baum. Der Unfallverursacher ist nicht der Baum.“