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Donnerstag, 07.12.2017

Abgeschoben in den Kosovo

Familie Kajtazi wurde mit acht Kindern aus Dresden ausgewiesen. Wie geht es ihnen in ihrer Heimat?

Von Julia Vollmer

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Die Bilder aus dem Kosovo zeigen die karge neue Bleibe der Familie nahe der Hauptstadt Pristina.
Die Bilder aus dem Kosovo zeigen die karge neue Bleibe der Familie nahe der Hauptstadt Pristina.

© privat

„Hallo, hier spricht Bajram.“ In der Telefonleitung knackt es. Immer wieder ist das Gespräch kurz unterbrochen. „Wir haben jetzt eine Wohnung zur Miete gefunden, doch Möbel fehlen.“ Wieder ist die Verbindung kurz weg. Der 17-jährige Bajram wurde im Oktober gemeinsam mit seiner Mutter und sieben Geschwistern aus Tolkewitz in den Kosovo abgeschoben. Zweieinhalb Jahre lebte die Familie Kajtazi in Dresden, die Kinder besuchten die Schule. Die Kleinen gingen in den Kindergarten.

Jetzt lebt die Familie in einem kleinen Ort nahe der Hauptstadt Pristina. „Uns geht es nicht gut, wir vermissen Deutschland und würden gerne wieder in die Schule gehen“, erzählt der 17-jährige Bajram, der in Dresden schon seinen Ausbildungsplatz als Maler sicher hatte. Doch in dem Dorf, in dem die Familie jetzt lebt, stehen nur fünf Häuser. Die Schule ist 30 Kilometer weit entfernt, öffentliche Verkehrsmittel fehlen, ein Auto besitzen sie nicht, sagt er. Weder Heizung noch Waschmaschine gibt es. „Wir frieren. Nachts wird es bis zu minus zwei Grad kalt“, sagt der Junge. Die Geschwister und ihre Mutter müssen sich im Kosovo allein durchschlagen. Der Vater darf aus Montenegro, wo er eine Haftstrafe abgesessen hat, nicht in den Kosovo einreisen. Warum weiß die Familie nicht, sagt Bajram Kajtazi.

Die Haftstrafe des Vaters war auch der Grund für die Entscheidung der deutschen Behörden, die Familie abzuschieben. Interpol suchte den Familienvater europaweit. Er soll in Montenegro in seiner Abwesenheit zu vier Monaten Haft verurteilt worden sein. Was ihm genau vorgeworfen wurde, ist unklar.

„Die Familie war nach Abschluss des Asylverfahrens vollziehbar ausreisepflichtig. Nach einer Anordnung der Sächsischen Härtefallkommission vom 18. August 2016 wurden der Familie Aufenthaltserlaubnisse erteilt“, sagt Ingolf Ulrich von der Landesdirektion Sachsen. Aufgrund der Straftaten des Familienvaters sei die Anordnung der Erteilung der Aufenthaltserlaubnisse aber widerrufen worden. Der Familie sei die Möglichkeit der freiwilligen Ausreise eingeräumt worden. „Nachdem diese Möglichkeit jedoch nicht genutzt wurde, wurden die Frau und die acht Kinder am 19. Oktober abgeschoben“, so der Sprecher.

Diese Abschiebung geschah am späten Abend. Kurz vor Mitternacht klingelten die Beamten an der Tür. Gegen dieses Vorgehen der Behörden regt sich nun Widerstand aus dem Jugendhilfeausschuss. „Abschiebungen von Kindern in den Nachtstunden sind meiner Meinung nach Kindeswohlgefährdung“, so Anke Lietzmann. „Das Vorgehen der Behörden bei der Abschiebung dieser Familie ist unerträglich“, sagt auch Dorothee Marth, die für die SPD in diesem Ausschuss sitzt. Sie schäme sich fast dafür, dass der Staat „überfallartige Abschiebung von Kindern in Handschellen, zu nachtschlafender Zeit zulässt“. Sie sehe die Regelungen zum Kinderschutz nicht genug berücksichtigt. Die Landesdirektion verteidigt ihr Vorgehen. „Der Zugriff in den Nachtstunden war notwendig, weil die Übergabe der Personen am Flughafen Frankfurt am Main aufgrund der Abflugzeit des Charterfluges bereits ab 8.30 Uhr erfolgen musste“, betont Ulrich.

Silvia Tröster, die sich bei der Initiative „Laubegast ist bunt“ engagiert, war bei der Abschiebung dabei. „Ich bekomme die Bilder nicht mehr aus dem Kopf: wie die Kinder mit großen Müllsäcken mit ihren persönlichen Dingen aus dem Haus kamen“, sagt sie. Da die Familienmitglieder keine Wertsachen besaßen, nahmen sie die Federbetten für den Winter mit. Nur 20 Kilo pro Person waren erlaubt. Tröster hat sich nun mit einem Brief an das Innenministerium gewandt. Sie wünscht sich eine Lösung für die Kinder. „Sie sollen wieder die Schule besuchen dürfen“, sagt sie. Die Mitglieder von Laubegast senden regelmäßig Geld per Western Union in den Kosovo. Denn ein Konto haben die Kajtazis nicht.

Einer, der sich engagiert, ist der Blasewitzer Ortsbeirat Werner Schnuppe. Als „bestens integriert“ bezeichnet er die Familie. Er habe sie zwei Jahre lang betreut, sie zu Ämtern begleitet. Er war es auch, der den Härtefallantrag bei der Kommission stellte. Jetzt hofft er auf eine gute Zukunft für die Kinder. „Sicher, der Vater hat sich etwas zuschulden kommen lassen. Aber dafür können doch die Kinder nichts.“ Ähnliche Hoffnungen hat Franziska Gramm. Sie unterrichtete die Mutter zwei Jahre lang. „Shahire kam trotz ihrer damals 37 Jahre als Analphabetin nach Deutschland. Sie konnte kein Formular unterschreiben“, erinnert sich Gramm. Statt ihres Namens setzte die Kosovarin drei Kreuze darunter. Mit beharrlicher Übung in zwei Stunden pro Woche erzielte sie nach und nach Erfolge, konnte bald ihren Namen und kurze Sätze schreiben und einfache Mathematik-Aufgaben lösen. „Sie erzählte mir, im Kosovo sei es normal, dass Frauen nicht schreiben können.“ Nun hofft auch Bajram, dass seine Geschwister bald wieder eine Schule besuchen können. Ihr größter Wunsch aber: Dresden bald wiederzusehen.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 83 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Klaus

    Was ist denn die Erwartungshaltung der Autorin? Tränendrüse? Dass Deutschland jeden Menschen auf der Welt aufnimmt, dem es irgendwie schlecht geht? Dann können wir ja quasi ganz Afrika, Osteuropa und große Teile von Asien aufnehmen. Es gibt kein Recht auf Migration - sondern lediglich eines auf Asyl. Und asylberechtigt war die Familie in diesem Fall offenbar nicht.

  2. kamie

    @ Klaus: aber ein Bericht darüber ist doch legitim, oder wozu ist eine Zeitung da?

  3. Tatsache

    So schmerzlich das Menschliche an dem Problem ist, da ist die Realität! Und waren es nicht gerade die Kosovaren die sich mit aller Vehemenz und europäischer Hilfe von Serbien lossagten um einen eigenen panslavischen Weg zu gehen? Nicht, dass es in den ländlichsten Regionen Serbiens auch heute wesentlich anders aussehen würde...Schulen besuchen die allermeisten serbischen Kinder im schulpflichtigen Alter, ja selbst Internate für jene aus den abgelegendsten Landesteilen gibt es heute noch.

  4. Dresdner

    Klaus #1, genau richtig. Hier wurde einmal Recht und Gesetz umgesetzt und da muss natürlich ein emotionaler Bericht geschrieben werden.

  5. nonmigrant

    Ich empfinde den Artikel überwiegend populistisch und als no border - Propaganda.

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