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Samstag, 18.03.2017

77 Tage umsonst gearbeitet

Der 18. März ist der Tag, an dem die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern besonders deutlich werden.

Von Nora Miethke

Auch das vielgepriesene Homeoffice änderte keine Einkommensverhältnisse zum Positiven.
Auch das vielgepriesene Homeoffice änderte keine Einkommensverhältnisse zum Positiven.

© dpa




Die Unterschiede sind deutlich: 14 Euro pro Stunde verdient eine Erzieherin, 16 Euro ein Sozialpädagoge. Ein Techniker bekam nach einer Auswertung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) 2014 hingegen 18 Euro und ein Ingenieur 29 Euro. „Jobs in der Industrie werden im Durchschnitt besser vergütet als im Gesundheitswesen“, stellt Oliver Stettes vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft in Köln fest. „Das hat mit der Wertschätzung des Produktes durch die Kunden zu tun“, sagt er. Viel hänge an der Zahlungsbereitschaft der Menschen.

Die unterschiedliche Bezahlung in verschiedenen Branchen wird als ein wichtiger Faktor für den sogenannten Gender Pay Gap gesehen – also für den Unterschied im Bruttoverdienst von Männern und Frauen. Die Lücke lag in Deutschland 2016 bei 21 Prozent –nach 22 Prozent im Jahr 2015, wie das Statistische Bundesamt errechnete. Rechnet man den Prozentwert in Tage um, haben Frauen vom 1. Januar bis zum 18. März 2017 – 77 Tage – umsonst gearbeitet, um auf den gleichen Brutto-Durchschnittsverdienst wie Männer zu kommen. Darauf macht der Aktionstag Equal-Pay-Day aufmerksam, der zum zehnten Mal von Frauenverbänden und Gewerkschaften begangen wird. Immerhin findet er dieses Jahr schon am 18. März statt, 2015 war es der 20. März und letztes Jahr der 19. März. Die Lohnkluft schrumpft – ein gutes Zeichen. Doch wenn das Tempo so bleibt, würde das nach der Berechnung des Landesfrauenrats Sachsen e.V. bedeuten „dass in etwa 75 Jahren die Kluft nicht mehr besteht.“

Die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen sind in den einzelnen Bundesländern recht groß. In Ostdeutschland sind sie deutlich geringer oder sogar zwischen den Geschlechtern umgekehrt. So liegt der mittlere Mehrverdienst der Männer in Thüringen bei 128 und in Sachsen bei 60 Euro. Doch in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg verdienen Frauen im Schnitt mehr als Männer, in Brandenburg sind es 116 Euro. Die Ursache dafür ist in der Wirtschaftsstruktur zu suchen. Die Verdienste in Regionen mit einem hohen Anteil an Industrie und Verarbeitendem Gewerbe sind höher als in Regionen, wo das Dienstleistungsgewerbe dominiert. Das gilt auch für die Unterschiede in Sachsen. So ist die Lohnkluft zwischen den Geschlechtern am stärksten in Zwickau. Dort verdienen Männer im Durchschnitt 241 Euro mehr als Frauen.

Dafür dürfte vor allem das VW-Werk mit fast 8 000 meist männlichen Beschäftigten verantwortlich sein. Auch insgesamt fallen die Lohnunterschiede im von der Autoindustrie und dem Maschinenbau geprägten Südwestsachsen erheblich höher aus als im Landkreis Görlitz, der von Gesundheitsdienstleistungen geprägt ist. Dort verdienen Frauen im Mittel 15 Euro mehr als Männer. Klaus-Peter Hansen, Chef der Landesarbeitsagentur Sachsen sieht einen weiteren Grund in den Betriebsgrößen. So seien große Betriebe oft tarifgebunden – meist mit höheren Löhnen, kleinere hingegen weniger. „Auch Konzernsitze und FuE-Abteilungen sind in Sachsen im Vergleich zu westlichen Regionen weniger präsent“, so Hansen.

Insgesamt lassen sich drei Viertel der Lohnlücke auf strukturelle Unterschiede zurückführen, also auf das Lohngefälle zwischen den Branchen, die Berufswahl, ungleich verteilte Arbeitsplatzanforderungen bezüglich Führung und Qualifikation sowie die häufigere Teilzeitarbeit von Frauen. Und das Gefälle lässt sich klar entlang klassischer Männer- und Frauenberufe ablesen. Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung lag der Stundenlohn für sogenannte Frauenberufe in der Kindererziehung oder in der Pflege 2014 im Schnitt um acht Euro niedriger als in den technischen Berufen, wo vor allem Männer arbeiten – bei gleicher Ausbildungszeit.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig will mit dem „Entgelttransparenzgesetz“ dabei helfen, die Lohnlücke zu schließen. Das Gesetz sieht einen Auskunftsanspruch für Beschäftigte vor, zu erfahren, wie sie im Vergleich zu Kollegen bezahlt werden. Kritiker erwarten von dem Gesetz jedoch kaum Fortschritte. Stattdessen müsste man bei der Berufswahl ansetzen und den Erwerbsumfang der Frauen erhöhen. So setzt auch Sachsens Wirtschaftsminister Hoffnung auf den geplanten Rechtsanspruch auf zeitlich begrenzte Teilzeitarbeit im Teilzeit- und Befristungsgesetz, damit Frauen nicht in der Teilzeitfalle landen. „Sie ist die wesentliche Ursache für die nach wie vor bestehende schlechtere Bezahlung im Vergleich zu Männern“, betont Martin Dulig. (mit dpa)

Der BPW Club Dresden lädt aus Anlass des Equal Pay Days zu einer Filmvorführung am 20. März um 19 Uhr ins Programmkino Ost ein. Zu sehen gibt es „Paula“, ein Film über die Künstlerin Paula Modersohn-Becker. Eintritt: 5 Euro.

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