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Mittwoch, 15.11.2017

450 Kilometer Kabel

Im Riesaer Krankenhaus werden Unmengen an Stromleitungen verlegt. Einer behält den Überblick.

Von Christoph Scharf

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Orange, schwarz, grau – die Kabel im Anbau des Riesaer Krankenhauses tragen viele Farben. Ingenieur Nico Müller weiß, warum.
Orange, schwarz, grau – die Kabel im Anbau des Riesaer Krankenhauses tragen viele Farben. Ingenieur Nico Müller weiß, warum.

© Sebastian Schultz

Der Neubau auf der Rückseite des Krankenhauses beherbergt künftig die Notaufnahme. Aber auch im Hochhaus selbst wird überall neue Elektrotechnik installiert.
Der Neubau auf der Rückseite des Krankenhauses beherbergt künftig die Notaufnahme. Aber auch im Hochhaus selbst wird überall neue Elektrotechnik installiert.

© Sebastian Schultz

Riesa. Das Krankenhaus der Stadt ist nicht mehr wiederzuerkennen. Zumindest das neue Gebäude, das direkt hinter dem Hochhaus entsteht. Wer ein paar Wochen nicht auf der Baustelle war, findet sich dort kaum noch zurecht: Neue Wände sind in die Höhe gewachsen, lange Flure entstanden, an allen Ecken wird gearbeitet.

In der künftigen Notaufnahme liegen überall dicke Bündel von Kabeln frei: graue, schwarze, orangefarbene, rote. Wer soll dabei den Überblick behalten? Nico Müller ist einer von ihnen. „Wir verlegen im Riesaer Krankenhaus insgesamt mehr als 450 Kilometer Kabel“, sagt der Ingenieur. Moment: 450 Kilometer? „Ja, 450 Kilometer“, bestätigt der Projektleiter von der Heidenauer Firma FAE Elektrotechnik.

Das Unternehmen hat sich auf die Ausrüstung von großen Bauprojekten spezialisiert – in Dresdner und Leipziger Krankenhäusern sind die Monteure genauso im Einsatz wie in Berliner Bundesministerien. Die insgesamt 120 Mitarbeiter lassen sich deshalb auch nicht aus der Ruhe bringen, wenn es auf einer einzigen Baustelle gilt, ein paar Hundert Kilometer Kabel zu ziehen. Zumal die ja so schön nach Farben geordnet sind.

„An dem Grauen hier hängen später die ganz normalen Steckdosen“, sagt der 33-Jährige. Die dünnen Orangefarbenen sind Datenkabel, die Grün/Gelben dienen dem Potenzialausgleich. „Das ist so eine Art Erdung – als Schutz, damit niemand einen tödlichen Stromschlag bekommt, wenn mal ein Gerät kaputt geht“, erklärt es der Ingenieur möglichst laienverständlich. In einem Krankenhaus gelten für die Technik viel höhere Sicherheitsvorschriften als anderswo. „Das ist mit einem Einfamilienhaus nicht zu vergleichen.“

Dort findet man wohl auch nicht so viele grüne Kabel – vom Ingenieur als Bus-Verkabelung bezeichnet. Die dient so scheinbar simplen Dingen wie dem Patientenrufsystem oder dem Lichtschalter: Tatsächlich verläuft das Kabel nicht einfach vom Schalter zur Lampe, sondern transportiert digitale Botschaften durchs System. „Wo bei welchem Signal eine Lampe angeht, wird programmiert.“ Klingt kompliziert, spart aber Verkabelung. Und außerdem protokolliert es später gleich auch noch, ob auf den Patientenruf reagiert wurde – auch diese Funktion ist in einem Krankenhaus vorgeschrieben.

Und dann gibt es da noch die dicken orangefarbenen Kabel, die besonders wichtige Bereiche des Krankenhauses versorgen: Sie sind brandsicher eingepackt, sodass sie auch im Falle eines Feuers noch mindestens 30 Minuten lang Strom liefern. So bleibt auch der OP-Raum mit Energie versorgt, wenn es in einem Raum brennt, durch den die Stromversorgung verläuft. Und natürlich gibt es auch noch für den Fall eines Stromausfalls in Riesa noch ein separates Netz, mit dem der hauseigene Notstromdiesel unter anderem OP-Säle, die Notbeleuchtung, die Patientenrufanlage und medizinische Geräte versorgt.

Das alles ist für Nico Müller Alltag. Was die Riesaer Baustelle für den aus dem Erzgebirge stammenden Ingenieur so spannend macht, ist etwas anderes. „Wir sind hier nicht in einem Neubau zugange, sondern arbeiten bei laufendem Betrieb“, sagt der Projektleiter. Während seine Monteure – je nach Arbeitsschritt arbeiten fünf bis zehn gleichzeitig im Krankenhaus – Kabel ziehen, an- oder abklemmen, werden gleich nebenan im Hochhaus Patienten behandelt, laufen Fernseher, Pumpen, Heizungsanlagen. Parallel dazu reißen andere Baufirmen im Untergeschoss des Hochhauses – wo die Technikzentralen zu finden sind – Wände raus und bauen neue ein.

Da kann es schon mal sein, dass die Wand noch gar nicht steht, an der laut Plan jetzt eigentlich unbedingt Kabel verlegt werden müssten.

„Die Herausforderung ist es, so zu arbeiten, dass die Leute oben davon so wenig wie möglich merken“, sagt Nico Müller, der parallel noch Baustellen in Leipzig und Berlin betreut. Bis 2021 wird er voraussichtlich noch in Riesa im Einsatz sein. Bis dahin wird das Krankenhaus noch mehrmals sein Aussehen verändern.

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