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Donnerstag, 10.08.2017

430 Kilometer zum Heimspiel

Koblenz muss für das Pokalduell gegen Dynamo nach Zwickau reisen. Die groteske Geschichte einer Stadionsuche.

Von Daniel Klein

So ähnlich wie bei der Benefizpartie im März wird es auch am Freitagabend aussehen. Dynamo-Fans feuern ihre Mannschaft im Zwickauer Stadion an. Offiziell ist das Pokalduell gegen Koblenz für die Dresdner jedoch ein Auswärtsspiel.
So ähnlich wie bei der Benefizpartie im März wird es auch am Freitagabend aussehen. Dynamo-Fans feuern ihre Mannschaft im Zwickauer Stadion an. Offiziell ist das Pokalduell gegen Koblenz für die Dresdner jedoch ein Auswärtsspiel.

© Ralph Koehler

Dresden. Es war ein Thema, das immer wieder hochkam in den Sommerwochen. Viele Medien griffen es auf, weil die Geschichte mehrere Facetten hat: skurrile, lustige und ernste. Vor allem aber klingt sie unglaublich. Auch Spiegel Online veröffentlichte einen Text unter der griffigen Überschrift „Ein Stadion würde dem Spiel guttun“. Das zu finden, war das Problem.

Als die TuS Koblenz, Regionalligist in der Südwest-Staffel, bei der Auslosung der ersten Runde im DFB-Pokal im Juni Dynamo Dresden als Gegner zog, war die Freude zunächst groß. Traditionsverein, viele Gästefans, sportlich lukrativ, verspricht Einnahmen. Schnell aber wurde die Partie zum Problemfall. Das heimische Stadion Oberwerth bekommt eine neue Leichtathletikbahn, die Arbeiten sollten längst abgeschlossen sein, verzögerten sich aber. An diesem Wochenende, das stand schon im Juni fest, kann dort auf keinen Fall gespielt werden. Damit begann die verzweifelte Suche nach einer Lösung.

Die Partie einfach auf einen Termin zu verschieben, an dem die Bagger verschwunden sind, lehnte der Deutsche Fußballbund (DFB) ab. Die zweite Pokalrunde hätte dann erst Ende September ausgelost werden können, zudem ist der Verband an vertragliche Verpflichtungen gebunden, etwa mit den Fernsehsendern.

Die zweite Variante: Das Spiel nicht zeitlich, sondern örtlich verlegen. Geeignete Stadien gibt es sowohl in Rheinland-Pfalz als auch in den benachbarten Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Hessen genügend. Doch die Koblenzer bekamen eine Absage nach der anderen. „Insgesamt waren es bestimmt mehr als 50“, erklärt Stefan Blaufelder, Leiter Marketing und Kommunikation bei der TuS. Die Gründe variierten. Mal entsprach das Stadion nicht den DFB-Vorgaben, mal war es anderweitig belegt, mal wurde gerade eine Zufahrtsstraße gebaut. In den meisten Fällen scheiterte es jedoch an Sicherheitsbedenken. Die Polizei in Nordrhein-Westfalen legte ein generelles Veto ein, mit sechs Pokalspielen und Partien in den unteren Ligen sei man personell ausgelastet. Die Arena in Frankfurt schied aus, weil die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) fürchtete, dass sich bei der An- und Abreise rivalisierende Fangruppen treffen könnten.

In seiner Not bat der Viertligist auf seiner Facebookseite um Hilfe bei der Suche. Wer „zufällig in seinem Garten noch ein Stadion stehen hat“ solle sich melden. Der Aufruf klingt spaßig, der Hintergrund ist es nicht. Denn die vielen Absagen resultierten teilweise wohl auch aus dem zweifelhaften Ruf der Dynamo-Anhänger, der ihnen bundesweit vorauseilt. „Da spielt mit Sicherheit eine Rolle, dass der ausrichtende Verein oder die ausrichtende Stadt Bedenken wegen der Dresdner Fans hat“, erklärte etwa Hans E. Lorenz, Vorsitzender des DFB-Sportgerichts, der Zeitung Die Welt.

Ähnlich formulierte es DFB-Vizepräsident Peter Frymuth: „Sorge bereitet mir die Tatsache, dass offensichtlich auch aufgrund der Sicherheitsbelange kein Stadion im Umfeld bereit war, die Austragung zu übernehmen.“ Ob die Ängste berechtigt oder übertrieben waren und ob nicht auch viele andere Vereine Probleme mit einem Teil ihrer Fans haben, sei dahingestellt. Allein die Tatsache, dass Koblenz keinen Gastgeber im Umkreis fand, ist nicht gut für das Image von Dynamo. Erst recht mit Blick auf den nach langem Gezerre benannten Spielort Zwickau. Der liegt 430 Kilometer von Koblenz entfernt, aber nur 120 von Dresden – und in Sachsen. Den rund 4 000 schwarz-gelben Anhängern, die am Freitagabend erwartet werden, wurde dort der Heimbereich zugewiesen.

Zugespitzt formuliert: Der Teil der Dynamo-Fans, der sich, wie zuletzt in Karlsruhe, danebenbenimmt, hat es geschafft, aus einem Auswärts- ein Heimspiel zu machen. Dieser Eindruck entsteht jedenfalls in der Öffentlichkeit. Das ist die eine Seite. Es gibt auch eine andere. In der kümmern sich schwarz-gelbe Fans beinahe rührend um die Anhänger aus Koblenz. Um möglichst vielen die weite und kostspielige Reise nach Zwickau zu ermöglichen, wurde eine Sammelaktion ins Leben gerufen, mehr als 3 700 Euro kamen zusammen. Selbst Übernachtungsmöglichkeiten für TuS-Anhänger werden angeboten. „Es ist der Wahnsinn, was uns in den letzten Tagen hier alles erreicht hat“, erklärte der Dachverband Koblenzer Fanklubs und bedankte sich für die Unterstützung. Auch TuS-Trainer Petrik Sander lobte das Engagement. „Diese Hilfsbereitschaft zeigt, dass die Dynamo-Fans ein feines Gespür haben, selbst wenn man über manche ihrer Aktionen nur mit dem Kopf schütteln kann.“

Dabei ist die Stadionodyssee der Koblenzer kein Einzelfall in der ersten Pokalrunde, insgesamt neun Vereine ziehen um. Die meisten sind kleine Amateurklubs, die vor den strengen DFB-Auflagen kapitulieren. Diese zu erfüllen, würde größere Umbauarbeiten in den kleinen Stadien erfordern. So müssen die Umkleideräume der Schiedsrichter mindestens 20 Quadratmeter groß und die Fluchtlichtanlage 800 Lux stark sein. Davor scheuen sich viele Vereine und zahlen lieber in der großen Nachbarschaft Miete.

Anders liegt der Fall in Würzburg. Im Stadion am Dallenberg darf aus Lärmschutzgründen nach 19.30 Uhr nicht mehr angepfiffen werden, der DFB hatte das Duell gegen Werder Bremen aber auf 20.45 Uhr terminiert. Die Würzburger ziehen nun nach Offenbach um. Dort hatte auch Koblenz angefragt. „Die Polizei legte ein Veto ein“, sagt TuS-Sprecher Blaufelder.

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